Rezept (M)Ein Leben über dem Mindeshaltbarkeitsdatum
© Unsplash.com / Alla Razgonova

(M)Ein Leben über dem Mindeshaltbarkeitsdatum

Nein Dankegeht sosolide Hausmannskostgehobene Küche3 Sterne Rezept
Ø 5,00 aus 3 Bewertungen

So oder so ähnlich könnte man meine grundlegende Lebenseinstellung benennen.

Ich feierte Anfang des Jahres (2022) ja offiziell 6 Jahre GÜNSTIG KOCHEN und da wird es an der Zeit, so dachte ich zumindest bei mir, dass Du mich noch ein bisschen besser kennenlernen sollst. Und was kann da noch besser sein als ein kleiner Essay zu meiner Einstellung bezüglich Lebensmittel und deren Verwertung, welche einen riesengroßen Anteil an der Entstehung und dem „Geheimnis“ dieses Foodblogs hat.

Lass mich Dir also mehr von mir erzählen, damit Du mich zumindest im Ansatz etwas besser verstehen kannst.

Doch was heißt das genau?

Für mich heißt das, dass ich gerne und häufig Lebensmittel kaufe, die sehr nahe am sogenannten MHD (Mindesthaltbarkeitsdatum) – exakt darauf oder sogar darüber sind und später verzehre. Oft noch Wochen nach diesem ominösen Verfallsdatum, zudem ich mir schon „meine Gedanken zum Mindesthaltbarkeitsdatum“ gemacht habe. Von daher gehe ich hier gar nicht so auf diesen künstlich verkürzten Lebenszyklus von Genussmitteln aller Art ein.

Es liegt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlich mit definitiver Sicherheit daran, dass ich zwar eine wunderschöne Kindheit (wie eigentlich jedes Gör der 60er / 70er und auch noch 80er) verleben durfte, dort allerdings auch mit kulinarisch fragwürdigen Genussmomenten Bekanntschaft schloss, wie zum Beispiel Sand aus der Sandspielkiste, bräunlich grauem Wasser aus Pfützen (wir Österreicher sagen dazu auch gern „Ladschn“ (Lacke / Lache), Matsch von irgendwelchen Wiesen auf denen ich herumgekugelt bin, Wurmsushi, usw… es aber ansonsten kulinarisch nicht so prickelnd war.

Wie auch? Mutter (leider mittlerweile am 21.10.2021 verstorben) war immer damit beschäftigt in irgendeiner Form Geld zu verdienen, wie es leider Gottes vielen alleinerziehenden Personen erging / ergeht / ergehen wird, damit wir über die Runden kamen und auch ein Dach über dem Kopf hatten. Außerdem war sie im Zweitberuf ja auch noch Mutter / Kindermädchen / Raumpflegerin / Alleinunterhalterin (Fernsehen rund um die Uhr gab es genau so wenig wie die Möglichkeit 24 Stunden zu shoppen), doch Köchin hat ihr nie so wirklich gefallen. Schnell musste es gehen und billig, da schon damals nach Abzug von Miete und Co so gut wie nichts übrig geblieben ist.

Das heißt jetzt aber nicht, dass wir nur Müll zu essen bekamen, aber es wurde auch schon damals sehr auf Angebote und teils reduzierte Ware geachtet. Warum aber nur teils? Es gab anno dazumal gar nicht so viel Ware, die irgendwie ablaufen und somit reduziert werden hätte können, da einfach keine solche Überproduktion stattgefunden hat, wie es in den heutigen Tagen der 2020er ja Usus ist.

Hat zwar jetzt nichts mit dem Leben übern MHD zu tun, aber das muss ich Dir erzählen

Eben wegen der nicht wirklich ausgeprägten Leidenschaft in der Küche entwickelte meine Mutter ihre, bis heute perfektionierte und unübertroffene, Schütttechnik. Es geht hier also nicht 2 Esslöffel hiervon, 1 Teelöffel davon und von dem da noch 100 Milliliter, sondern… 1x Schütt hier… 1x Schüüüüütt dort und 1x KlugKlugKluuuug von dem da.

Und wenn man sie dann mal jemand nach einem Rezept fragte: „Ich koch‘ nur nach Gefühl“.

(M)Ein Leben über dem Mindeshaltbarkeitsdatum

 

Jedenfalls hat mich eben das Leben mit meiner Mutter gelehrt, dass Geld nicht auf Bäumen wächst, ein Tier nicht zum Spaß sterben sollte und man es daher aufzuessen hat, Lebensmittel nicht automatisch zu Staub zerfallen, wenn das Datum auf der Verpack kleiner als das auf dem Kalender ist und dass 1x Schüüüütt plus 3x Krack Platsch und 1x KlugKluuug Palatschinkenteig ergibt ^^

Wie es eigentlich immer passiert bin ich jetzt ein wenig ins Plappern gekommen und habe Dich hoffentlich nicht gelangweilt!?

Neben dieser Prägung aus meiner Kindheit kam es dann, wie im Leben von jedem von uns, zu Situationen, die uns zum Umdenken zwingen. Auch ich hatte fette Zeiten, in denen Geld nicht so eine Rolle gespielt hat, da genug vorhanden war, doch dann kam es immer wieder zu Situationen, wo es dann ganz schön haarig wurde. Ob es nun durch Verlust der Arbeitsstelle war, entstehende oder bereits ausgebrochene Krankheiten, oder die eigene Blödheit, spielt eigentlich dabei keine Rolle, denn:

Wenn Du keine Kohle hast, dann hast Du verdammt noch mal keine Kohle.

So einfach ist das im Leben und dann muss man zusehen, wie man wieder über die Runden kommt. Eigentlich, und das sage ich nicht nur einfach so, weil es großartig klingt, bin ich für meinen letzten Niederschlag im Jahre 2013 ganz dankbar, denn er hat mich wieder dazu gebracht das eigene Hirn zu nutzen. Plötzlich bekamen auch die meisten Dinge wieder eine ganz andere Wertigkeit als zuvor und nicht nur weil ich plötzlich nur noch 70€ im Monat hatte, nach Abzug aller Verpflichtungen, Nein, ich begann nämlich wieder ich selbst zu werden, mich und meine Umwelt anders wahrzunehmen und seither verändert sich vieles um mich herum.

Ab hier kam dann wieder das „Nicht sicher tödlich ab“ ins Spiel, da ich ja oft gezwungen war zu entscheiden:

Hunger oder nicht Hunger, das ist die Frage des Tages

Obwohl ich ja aus meiner Kindheit wusste, dass Lebensmittel nicht sofort EOL (end of life) sind, wenn der komische Aufdruck dir frech in die Pupille springt und dir visuell ins Hirn drücken will, dass das nun Biomüll ist, begann ich nun wieder alles neu zu erschmecken.

  • Ich genoss förmlich den Joghurt mit einer anderen Monatszahl am Etikett
  • Ich freute mich richtig darüber, wenn mir ein Freund / Bekannter / Nachbar seine (für ihn) leider nicht mehr essbaren Reste im Kühlschrank zeigte, die ich dann einpacken durfte.
  • Ich war dankbar für jedes angeschlagene Stück Obst / Gemüse, welches mir ein Bauer zusteckte, weil er/sie es sowieso sonst auf dem Kompost entsorgen hätte müssen
  • usw

Irgendwann war dann das Finale des Jahres 2015 da und ich dachte so bei mir, dass ich meine Erfahrungen in diesem Bereich irgendwie zu Dir transportieren und Dir zeigen muss was da noch so machbar ist, abseits von selbst gedruckten Siegeln, Zertifikaten und sonstigen Hype – Messages.

Gedanken zum Mindeshaltbarkeitsdatum

Klarerweise waren mir viel Spott und Häme sicher, da man nun ja mitbekommen hat was da bei mir so los ist, man achtete sehr darauf, wenn ich wieder in die Kühlung mit den reduzierten Waren gegriffen und so meinen Kühlschrank & Tiefkühler gefüllt habe.

Schau ihn Dir an, den …

Aber diese Stimmen verstummten über die Zeit, natürlich flackert immer wieder mal eine Welle gegen mich auf – was mir aber sowas von Latte Macchiato ist, und ich kann nun den anderen zusehen, wie sie in diese Schatztruhen greifen. Aber es erfüllt mich nicht mit Gehässigkeit oder dergleichen, Nein… es freut mich, dass nun auch andere begriffen haben, worum es mir geht! Es geht, mir nicht darum zu vermitteln, dass nur Ware aus dem Supermarkt das Nonplusultra ist, sondern, dass es sich hier um Lebensmittel handelt, die verdammt noch eins dem Zweck zugeführt werden sollen, für den sie bestimmt sind und nicht als Mittel zur Befriedigung der eigenen Eitelkeit missbraucht werden sollen / dürfen.

Oft sind es nämlich genau diese Personen, die sich dann am nächsten Tag in Schaufenster der sozialen Medien stellen und meinen, dass es eine Sauerei ist, dass Lebensmittelkonzerne ihre Produkte im Müll verschwinden lassen. Dabei hätten sie die Möglichkeit gehabt anstatt des „frischen“ Produkts zum sofortigen Verzehr das nahe am Mindesthaltbarkeitsdatum liegende mitzunehmen und es so „zu retten“. Auch bedeutet es dem Tier den letzten Respekt zu erweisen.

Gerade frisch angekommen im Jahre 2022, nach einem, für uns alle, schweren Jahre 2020/21, möchte ich Bilanz über die letzten Jahre ziehen, in denen ich am und über dem MHD gelebt habe:

Das FAZIT

Ich bin mit meinem Projekt GÜNSTIG KOCHEN noch lange nicht am Ende. Je länger dies hier läuft, umso mehr Felder ergeben sich. Leider kann ich das alles gar nicht alleine schaffen, zumindest nicht mehr in diesem Leben und schon gar nicht, wenn man keine schier unendlichen (finanziellen) Mittel zur Verfügung dafür hat. Ich muss ja mein Dasein auch noch finanzieren.

Freilich mache ich vermutlich mehr Fehler, aber ich versuche nicht eine Person zu sein, die ich nicht bin. Auch nicht auf Social Media. Ich weiß nicht alles, ich kann nicht alles und schon gar nicht glaube ich durch mein Tun etwas besseres zu sein. Ich bin der Franz, der wie Du seine guten Seiten / schlechten Seiten hat. Eigentlich schon faszinierend wie man ins schwafeln gerät :)))

Gut… an dieser Stelle höre ich dann mal auf über mich und mein Verhältnis über das Leben am oder über dem Mindesthaltbarkeitsdatum zu sinnieren.

Solltest Du noch weitere Fragen an mich haben, dann her damit! Ob hier als Kommentar, als PN oder per Mail… gerne werde ich mir, sofern die Fragen nicht zu persönlich sind (wie oft ich mir die Zehennägel schneide, wieviele Liter ich pro Tag schwitze, etc pp), für die Beantwortung asap (as soon as possible) die adäquate Zeit nehmen.

— Nachtrag —

Ich hatte diesen Beitrag schon vor längerer Zeit geschrieben, doch die ganzen Ereignisse der letzten Monate und Jahre haben mich ihn irgendwie vergessen lassen. Ein kleines Zeugnis davon, dass ich mich selbst nicht so wichtig nehme 😉 Was ich hier aber jetzt noch anmerken wollte ist, dass genau die aktuelle Entwicklung zeigt wie wichtig und wertvoll JEDES Lebensmittel ist und wir uns nicht in Nicklichkeiten diesbezüglich verlieren sollten. Egal wer wie was wann wo und warum überhaupt isst / essen muss. Verurteile niemanden deswegen, da Du die Hintergründe der Person nicht kennst. Wichtig ist nur: Am Ende des Tages haben wir alle Hunger und da ist ein genießbares Joghurt mit MHD von vor 2 Monaten genau so recht, wie eines, welches gestern produziert wurde. Du verstehst mich schon! Ich glaub‘ da fest dran 😉 

  • VERÖFFENTLICHT
    04/2022
  • ZUGRIFFE
WEITERE INTERESSANTE BEITRÄGE

HINTERLASSE EINEN KOMMENTAR